Alexander Röstel

Amtrak

21. Mai 2009

Amtrak ist nicht etwa ein schamanischer Begriff, (jedenfalls nicht im engeren Sinne) sondern bezeichnet den Firmennamen der amerikanischen National Railroad Passenger Corporation; sozusagen die AB BAHN. Wer mal das Vergnügen und die Gelegenheit hat, wird sehr schnell Unterschiede zur DB BAHN feststellen.

Es fängt bei den Tickets an. Wer der Meinung ist, er könne zuzüglich eines kleinen Aufschlags, den man mit Worten wie “ooh, ich musste mich so sehr beeilen und habe es nicht mehr rechtzeitig zum Automaten geschafft” sogar noch abstreifen kann, seine Fahrkarte im Zug erwerben, der wird, noch ehe er den Zug überhaupt sieht, eines besseren belehrt. Wer Verbindungen über Washington D.C, New York und Boston nicht wenigstens eine Woche im Voraus bucht, wird eher als verrückt gehandelt.
Ohne es zu wissen, habe ich gottseidank rechtzeitig gebucht. Ein Ticket habe ich trotzdem nicht in den Händen gehalten. Dieses gilt es an so genannten Quik-Traks abzuholen. Ist doch ganz einfach. Nach der erfolgreichen Buchung, druckt man sich eine Bestätigung mit Bar-Code aus, die man am Tag der Reise zum Quik-Trak bringt, um den Bar-Code gegen Tickets einzutauschen. Diese Geräte verfügen, sofern sie keinen Randalen zum Opfer gefallen sind (New York ist ja für seine Friedlichkeit bekannt), über einen Scanner. Et voilà: nachdem man 10 Minuten damit verbracht hat, zu bemerken, dass ausgerechnet zwei der avisierten Quik-Traks kaputt sind (man erkennt diese an Leuten, die mit argwöhnischem Blick drumherumstehen oder durch mechanische Eingriffe Funktionalitäten herauszukitzeln suchen), hält man freudestrahlend seinen Schein in die Glückseligkeit in den Händen.

Nun heißt es warten. Wer sich damit nicht abfinden möchte, wird Bekanntschaft mit einer recht unverständnisvollen, übergewichtigen schwarzen Dame in dunkelblauem Kleid (Designer: Amtrak) machen, die darauf hinweist, dass man auf die Ansage hören solle. Und tatsächlich, in fließendem Nuschel-Amerikanisch, das bei der äußerst geringen Anzahl an Menschen in der New Yorker Penn Station selbstverständlich einwandfrei vernommen werden kann, wird zum Boarding aufgerufen. Ist Amtrak nicht vielleicht doch eine Fluglinie? Innerhalb dieses kurzen Überlegens wird sich ein chaotisches Gemenge zu einer exakten Linie formieren. Ich muss unweigerlich erneut ans Fliegen denken. Wer schonmal mit easyjet geflogen ist, weiß, was passiert, wenn das zuständige Bodenpersonal ansatzweise den Verdacht erweckt, zum Boarding bereit zu sein. Nun gilt es dem Bahnhofspersonal das gültige Ticket zu zeigen. Die Dame im dunkelblauen Kleid wirkt hektisch. Ich habe versehentlich mein Rückfahrtsticket in den Händen und bin gezwungen, meine Tasche abzustellen, um das richtige herauszuholen. Die Menge hinter mir staut sich. Für niemand anderen geht es auch nur einen Zentimeter weiter. Ich werde aufgefordert an die Seite zu treten, was ich nicht gehört habe. Wütend lässt man mich mit dem korrekten Ticket passieren. Ich nehme gelassen meinen Weg durch den Tunnel. Unnütz zu erwähnen, dass man dies auch auf dem Weg zum Flugzeug machen würde.

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Meine Zweifel werden beim Blick auf einen silber-blauen metallischen Hochgeschwindigkeitszug ausgelöscht. Freie Platzwahl. Koffer und Taschen gilt es in so genannten Overhead Compartments zu verstauen. (Zug! Zug! Zug!) Darauf wird einen spätestens die Stewarde … ääh Zugbegleiterin – so heißen die ja neuerdings – aufmerksam machen. Schließlich sind die Züge meist hoffnungslos ausgebucht. Eine praktische Angelegenheit, denn so lässt sich rechtfertigen, dass der Preis eines Tickets von der Auslastung abhängt. Wer am Tag der Abreise seinen Zug verpasst oder aus anderen Gründen umbuchen muss, kann das gerne machen, sollte seinem Portmonee dann jedoch auch die Lüftung gewähren. Ist das nicht beim Fliegen ähnlich? Endlich alles verstaut und niedergelassen ist der Laptop schon aufgeklappt und an die Stromversorgung angeschlossen. “Stromversorgung” ist in diesem Fall ein Euphemismus. Wer seinen Akku-Sparmodus im Falle fehlender Stromversorung aktiviert hat, läuft Gefahr, aufgrund der dauernden Helligkeitsschwankungen epileptischen Anfällen zu erliegen. Vielleicht hatte ich aber auch nur Pech bei dieser Fahrt.
Das Wetter war jedenfals bombastisch; nicht eine einzige Wolke am Himmel. Dennoch wollte ich den Ansagen von umgerechnet 30°C nicht glauben, da ich gerade aufgestanden war, um meinen Pullover aus dem Koffer zu holen, da ich blaue Fingernägel bekam. Die Fahrt macht Spaß, vorbei an wunderschönen Landschaften, ansehnlichen Städten, dichten Wäldern, einer malerischen Küste und gigantischen Kraftwerken. Man lernt, Amtrak zu lieben.

Wer jedoch – wie in so manchem ICE – darauf hofft, dass ein Zugbegleiter es nicht rechtzeitig schafft zur Fahrkartenkontrolle, erliegt einem Irrtum, mal ganz davon abgesehen, dass es faktisch keine Chance gibt, den Zug überhaupt nur aus der Entfernung zu sehen, ohne sich im Besitz einer gültigen Karte zu befinden. Es mag daran liegen, dass amerikanisches Zugpersonal keine modernen Geräte mit sich herumträgt, die einen Ticketausdruck mit Kreditkarte und Bonuspunktsammelaktion innerhalb einer Viertelstunde gewährleisten, sondern dass sie einzig unterschiedlich farbige Streifen und einen Locher mit sich tragen. Die Streifen werden an die Overhead Compartments geheftet und signalisieren, wie viele Personen wo ein- und aussteigen. Da können sich die “Ist-noch-jemand-dazugestiegen”-Propagandisten eine Streifen von abschneiden.

Und wenn schließlich in gestochenem Englisch sinngemäß “Thank you for travelling with Amtrak” ertönt, dann war es insgesamt doch eine gute Fahrt!

Kommunikationskanäle

20. Mai 2009

Das 21. Jahrhundert mag voranschreiten, doch in puncto Kommunikation ist der gute alte Brief nachwievor die Speerspitze. Neben e-Mail, Blog und Community-Profilen erreicht man mich bis zum 4. September 2009 also auch so:

800 Riverside Drive, Apt. 5 J
10032 New York City, NY
United States of America

Ein wenig Fortschritt muss dann aber doch sein:

+1 (347) 542 1016

Meine alte Handynummer ist bis Dezember 2009 eingefroren.

Over the ocean

19. Mai 2009

Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man am Flughafen in Berlin Tegel steht und darauf wartet, von einem der großen Vögel mitgenommen zu werden. Das Ziel ist New York, die wohl aufregendste Stadt der Welt.

New York hat Magie: es ist nun schon sechs Wochen her, dass mich der besagte Vogel über dem großen Apfel abgeworfen hat und man müsste meinen, ich hätte mich daran gewöhnt, hier zu leben. Doch das stimmt so nicht ganz. Ich habe gelernt, hier zurechtzukommen, täglich meinen Weg durch das Gewirr von Menschen, Straßen und Bahnen zu finden – doch noch immer habe ich nicht begriffen, dass ich mitten in New York wohne, arbeite, und meinen Weg finde. Ich frage mich, woran das liegt und wie lange es wohl noch dauert, doch ändert es nichts am Zustand.

New York hat Magie: ich bin wahrhaftig nicht der Erste, der das feststellt, denkt man an die vielen Bücher, Lieder und Filme. Das bewahrt mich jedoch nicht davor, Gänsehaut-Anfälle zu bekommen, wenn ich mir einmal mehr vergegenwärtige, dass ich in New York bin. Weihnachten 2006 habe ich genau hier Urlaub gemacht, doch es war ein geplantes An- und Abreisen. Heute blicke ich auf nicht auf weitere vier Tage, sondern vier Monate. Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen.

New York hat Magie: ganz praktische noch dazu. Nie zuvor war ich so produktiv wie in diesen Tagen. Nicht nur, dass auf 60-h-Wochen zurückblicke, sondern vielmehr Dinge, die Ewigkeiten auf meiner imaginären ToDo-Liste standen; nun mit einem Häkchen dahinter. Ich spiele jeden Tag am Klavier und lerne Stücke, die ich vor nicht allzulanger Zeit noch für zu anspruchsvoll für mich hielt. Ich lese Bücher im Akkord, die ausnahmsweise mal nichts mit Wirtschaftswissenschaften zutun haben. Es mag banal klingen, doch ist diese Beschäftigung seit Beginn des Studiums beinah eingeschlafen. Außerdem – und das wird auch bald hier ersichtlich sein – habe ich mich ausgiebig der Fotografie gewidmet, wodurch einige interessante neue Projekte entstanden sind. Die Anhäufung der Museen und Sehenswürdigkeiten ist ebenfalls gelichtet, was es ermöglicht, an den Wochenenden auch mal über die Stadtgrenzen hinauszugehen. Das Ergebnis wird ebenso bald hier Platz finden.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nichts oder nur wenig tue, da ich die Zeit, die ich hier verbringe, für zu wichtig und erleuchtend halte, um sie wegzugeben. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich der festen Überzeugung bin, dass New York Magie hat.

Blog Blog Blog

19. Mai 2009

Nach sechs Wochen ist es nun höchste Zeit, meinen Blog zu beleben und von den überwältigenden Erfahrungen in und um New York zu berichten! In den kommenden Wochen und Monaten werdet ihr hier von meinen Erlebnissen erfahren, Fotos finden und hoffentlich/möglicherweise Antworten oder Kommentare geben.

Carmen

13. Januar 2009

Derjenige, der eine Rolle singt, die von Rolando Villazón geprägt wurde, hat es schon naturgemäß schwer. Doch Burkhard Fritz tut sich zusätzlich ebenso und kann als Don José in der berühmten Bizet-Oper nicht überzeugen. Dabei hat er doch eine stimmgewaltige Carmen (Elena Maximova) an seiner Seite (zumindest solang, bis diese sich für Escamillo (Christof Fischesser) entscheidet). Doch wie schon in Mozarts “Cosí fan tutte” sticht eine Rolle, nämlich die der Micaëla durch Ariane Queiroz, heraus. Martin Kušejs Inszenierung ist funktional und rational. Der frisch gebackene Schauspielchef der Salzburger Festspiele schreibt sich damit sein Empfehlungsschreiben. Massimo Zanetti mag dies belächeln, so wie er während des gesamten Dirigats immer etwas zu lächeln haben schien; überglücklich mit sich und der Musik (berechtigt), was äußerst sympathisch wirkte.

Schwanensee

13. Januar 2009

Es gilt wohl als das bekannteste Ballett der Welt: Tschaikowskis “Schwanensee” verzaubert in Berlin das Publikum der Staatsoper. Dabei sticht die Rolle der Odette, getanzt von Beatrice Knop, heraus. Mit einer atemberaubenden Eleganz und Leichtigkeit beherrscht sie sämtliche Figuren und brilliert im Pas de deux an der Seite ihres Siegfrieds (Wieslaw Dudek). Patrice Bart misst sich in dieser Inszenierung mit niemand geringerem als dem Urvater des klassischen Balletts – Marius Petipa – und geht dabei nicht unter; vielmehr bereichert er die tradierten Ideale. Dabei setzt er nahezu alle Elemente ein, die tänzerisch überhaupt möglich sind und unterstreicht fast wie auf eine natürliche Art und Weise die klangvolle Partitur Tschaikowskis, die an diesem Abend in den Händen von Michael Schmidtsdorff lag. Einzig das Bühnenbild kratzt am Eindruck der Perfektion; ein mausgrauer Vorhang, schlecht gemachte Fensterscheiben und überaltete Kostüme. Wenn schon Art Déco, dann doch bitte auch im Detail. Von solchen Kleinigkeiten wird der Zuschauer jedoch schnell abgelenkt; schließlich überzeugt Marian Walter in der Rolle des Benno, dem Freund und heimlichen Verehrer Siegfrieds. Es wirkt spielerisch, gar unterfordert, wenn er Gretschsprünge aneinanderreiht. Eine außerordentliche Leistung liefert in diesem Stück auch das Ensemble, welches in puncto Synchronität schon dem chinesischen Staatszirkus ähnelt. An der Spitze der Darbietung und vom Publikum dementsprechend mit tosendem Applaus gefeiert stand an diesem Abend Odettes Fouetté. Dabei sei darauf hingewiesen, dass es sich “nur” um die Zweitbesetzung handelte. Für den Glanz sorgen in den Hauptrollen sonst Polina Semionova und Vladimir Malakhov. Es bleibt die Frage offen, wie man eine Arabesque beeindruckender darbieten kann als Beatrice Knop. Großes Kompliment für eine herausragende Vorführung!

Sardinien

9. Dezember 2008

Gerade, wenn es draußen schneit und gefriert, wünscht man sich an den Strand und in die Sonne. Als Ersatz gibt es via Klick auf das Foto ein paar Eindrücke vom Sommer in Sardinien.

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Werther

9. Dezember 2008

Auf jeder noch so zweitklassigen Klassikkollektion darf eine Einspielung nicht fehlen: Die “Méditation” aus “Thaïs” von Jules Massenet; Inbegriff dessen, das man gemeinhin als Schnulze bezeichnen könnte, wenngleich diesem Stück eine gewisse Schönheit wohl nicht abgesprochen werden kann. Massenet gilt als bedeutendster Opernkomponist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass es dort keine zu große Konkurrenz mehr gab. In einer Kneipe in Wetzlar kam ihm durch die Berührung mit der Goethe-Vorlage die Idee, seinen “Werther” zu vertonen. An der Opéra comique in Paris verbrannte man seinerzeit die Noten spontan. Die Inszenierung von Jürgen Rose versprach also viel, zumal sie ganz dem historischen Vorbild folgend, den Rezipienten erneut dazu einlud, Selbstmord zu begehen. Eine traurige Einfallslosigkeit, die auch von französischen Poemen und Wortfetzen, die an sämtliche Flächen gepinselt waren, nicht übertüncht werden konnte. Mittelpunkt und Höhepunkt dieses Versagens ist ein überdimensionierter Stein, auf dem Werther meist zu sitzen gedenkt. Sollte eine Verbindung aus der Traurigkeit der Geschichte (immerhin erschießt sich Werther, da seine geliebte Charlotte einen anderen heiratet) und der Traurigkeit des Bühnenbildes bezweckt worden sein, dann ist dieser Einfall wiederum genial. Wenigstens konnten Susan Graham und Marcus Haddock, die die Titelrollen sangen, durch famose Leistungen überzeugen. Besonders Werther erntete verdienten Beifall für bewegend vorgetragene Arien, aus denen eine nicht zu überhörende Affinität für italienische Rollen sprach. Das Format “Bayerische Staatsoper” bleibt jedoch für mich einmal mehr untererfüllt.

Martin Stadtfeld

9. Dezember 2008

Die Münchner lieben ihren Vorzeigepianisten – natürlich nicht unbegründet. Unter den Klängen von Johann Sebastian Bachs Wohltemperierten Klavier bekommt ein zweiter Advent im Prinzregententheater eine ganz besondere Farbe. Martin Stadtfeld, der, wie es sich in seiner Zunft gehört, schon früh erste Auftritte absolvierte und kurze Zeit darauf an verschiedenen Wettbewerben reüssierte, verzaubert mit seiner Interpretation. Man möchte fast sagen, er lässt die Stücke schweben. Das berühmte Eröffnungs-C-Dur-Präludium liegt sanft in Daunenfedern eingehüllt. Gerade mit so minimalem Anschlag, dass es dem Klavier einen Ton entlockt, gleitet er durch die Tonfolgen. Mit äußerster Präzision gelingt es ihm, die schnellen Passagen zu verkürzen, um die Betonung auf die gefühlvollen zu legen. Scheinbar mühelos beherrscht er die technisch hoch anspruchsvollen vielstimmigen Fugen. Lautstärke und Intonation variiert er gekonnt und hebt damit manchmal vor oder überspringt. Es ist “sein” Bach – das spürt man aus jeder Note. Wer nach gut zwei Stunden noch nicht überzeugt war, der wurde mit dem schwindelerregenden Tempo der Prokovjev-Toccata als Zugabe in Staunen versetzt. Durch und durch überzeugend und so wird es spannend, die Entwicklung des mehrfachen Echo-Preisträgers zu beobachten.

Münchner U-Bahnen

27. November 2008

Münchnener U-Bahnen sind ziemlich seltsam. Egal, welche man betritt: sie sind sauber, haben unzerkratzte Fensterscheiben und die Passagiere rücken und rutschen freundlich auf, um Platz freizumachen. Für einen Berliner ist das entweder eine Horrorvision oder ein Science-Fiction. Für bösartigen Zynismus hält er es, wenn ihn die Menschen auf der linken Seite der Rolltreppe zum Nach-Rechts-Schritt auffordern. In München ist das selbstverständlich. Und wenn es ihm alles zu bunt wird, ist dafür gesorgt, dass keine Hilfe-Rufe abgesetzt werden können. Mobilfunknetz gibt es im Untergrund nicht. Gute Fahrt!