MonatsarchivDezember 2008
Werther
9. Dezember 2008Auf jeder noch so zweitklassigen Klassikkollektion darf eine Einspielung nicht fehlen: Die “Méditation” aus “Thaïs” von Jules Massenet; Inbegriff dessen, das man gemeinhin als Schnulze bezeichnen könnte, wenngleich diesem Stück eine gewisse Schönheit wohl nicht abgesprochen werden kann. Massenet gilt als bedeutendster Opernkomponist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass es dort keine zu große Konkurrenz mehr gab. In einer Kneipe in Wetzlar kam ihm durch die Berührung mit der Goethe-Vorlage die Idee, seinen “Werther” zu vertonen. An der Opéra comique in Paris verbrannte man seinerzeit die Noten spontan. Die Inszenierung von Jürgen Rose versprach also viel, zumal sie ganz dem historischen Vorbild folgend, den Rezipienten erneut dazu einlud, Selbstmord zu begehen. Eine traurige Einfallslosigkeit, die auch von französischen Poemen und Wortfetzen, die an sämtliche Flächen gepinselt waren, nicht übertüncht werden konnte. Mittelpunkt und Höhepunkt dieses Versagens ist ein überdimensionierter Stein, auf dem Werther meist zu sitzen gedenkt. Sollte eine Verbindung aus der Traurigkeit der Geschichte (immerhin erschießt sich Werther, da seine geliebte Charlotte einen anderen heiratet) und der Traurigkeit des Bühnenbildes bezweckt worden sein, dann ist dieser Einfall wiederum genial. Wenigstens konnten Susan Graham und Marcus Haddock, die die Titelrollen sangen, durch famose Leistungen überzeugen. Besonders Werther erntete verdienten Beifall für bewegend vorgetragene Arien, aus denen eine nicht zu überhörende Affinität für italienische Rollen sprach. Das Format “Bayerische Staatsoper” bleibt jedoch für mich einmal mehr untererfüllt.
Martin Stadtfeld
9. Dezember 2008Die Münchner lieben ihren Vorzeigepianisten – natürlich nicht unbegründet. Unter den Klängen von Johann Sebastian Bachs Wohltemperierten Klavier bekommt ein zweiter Advent im Prinzregententheater eine ganz besondere Farbe. Martin Stadtfeld, der, wie es sich in seiner Zunft gehört, schon früh erste Auftritte absolvierte und kurze Zeit darauf an verschiedenen Wettbewerben reüssierte, verzaubert mit seiner Interpretation. Man möchte fast sagen, er lässt die Stücke schweben. Das berühmte Eröffnungs-C-Dur-Präludium liegt sanft in Daunenfedern eingehüllt. Gerade mit so minimalem Anschlag, dass es dem Klavier einen Ton entlockt, gleitet er durch die Tonfolgen. Mit äußerster Präzision gelingt es ihm, die schnellen Passagen zu verkürzen, um die Betonung auf die gefühlvollen zu legen. Scheinbar mühelos beherrscht er die technisch hoch anspruchsvollen vielstimmigen Fugen. Lautstärke und Intonation variiert er gekonnt und hebt damit manchmal vor oder überspringt. Es ist “sein” Bach – das spürt man aus jeder Note. Wer nach gut zwei Stunden noch nicht überzeugt war, der wurde mit dem schwindelerregenden Tempo der Prokovjev-Toccata als Zugabe in Staunen versetzt. Durch und durch überzeugend und so wird es spannend, die Entwicklung des mehrfachen Echo-Preisträgers zu beobachten.
