Alexander Röstel

From United States to United Kingdom

12. September 2009

Während ich derzeit an einem großen Artikel zu New York schreibe, hat es mich schon nach Großbritannien verschlagen. Bis zum Ende des Jahres werde ich in Cambridge studieren. Für diesen Zweck möchte ich meine Kontaktdaten hinterlegen.

c/o Kate Agazarian
12 Aberdeen Avenue
CB2 8DP Cambridge
United Kingdom

Eine aktuelle Telefonnummer wird noch nachgereicht.

America XXL

27. August 2009

“New York, das ist nicht Amerika!” Was anfangs wie eine nicht wirklich ernst gemeinte Behauptung klingt, erfährt seine traurige Rechtfertigung beim Blick durch die Städte und Gemeinden außerhalb der Metropole.
Ich befinde mich im grünen Naturparadies Pennsylvania, nahe des Susquehanna Rivers, der sich malerisch in der Abendsonne wiegt. Ich freue mich auf eine Mahlzeit, da mir die vielen typischen amerikanischen Bauernhöfe mit ihren Ford Trackern, Zylindersilos mit Halbkugelkappe und hölzernen Getreidespeichern Appetit gemacht haben. Ein gutes Stück Steak wäre jetzt genau das Richtige. Schon ist die Ausfahrt in eine angrenzende Kleinstadt genommen.

Und tatächlich fast wie auf Abruf gewinnt ein überdimensionales Plakat, das viele weitere überragt, meine ungeteilte Aufmerksamkeit; darauf ein saftiges, durchgebratenes Stück Fleisch in voller Schönheit. Das ist Friendly, wie der große rote Schriftzug verrät, dem ich absolut zustimme. Somit fällt meine Wahl natürlich auf dieses Restaurant und nicht auf McDonalds, das sich gegenüber befindet. Eine Straße weiter lädt Burger King zum Abendessen, in direkter Nachbarschaft zur mexikanischen Küche von Taco Bell. Auch Wendy’s lockt auf einer nahegelegenen Anhöhe mit seinen Köstlichkeiten. Arby’s rundet schließlich die kulinarische Vielfalt ab.

Indes begrüßt mich – ganz außer Atem – die kugelige, sympathische Wirtin des Hauses und weist mir einen lauschigen Platz am Fenster zu. Von dort verschnaufe auch ich und sehe dabei der Familie am Nachbartisch bei der Mast zu. Die in Relation zur Körpermasse klein wirkenden Köpfe der Jüngsten kann ich hinter den Cola-Eimern nicht erkennen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese aus Gründen der Schwerkraft bei der Nahrungsaufnahme nur knapp über den Tellern befinden. Ihre Wahl ist offensichtlich auf ein umfangreiches Burger-Menü gefallem, zu welchem traditionell ein Trog mit frittierten Kartoffelscheiben gereicht wird. Die Mutter der beiden, die weiteren Nachwuchs in Brüsten, Beinen und Bauch zu tragen scheint, ertränkt die Beilage derweil liebevoll in Ketchup aus dem Hause Heinz.

Inzwischen halte ich die Speisekarte in den Händen. Man könnte annehmen, dass diese tatsächlich zum Speisen genutzt wird. Fettig sind aber auch die zur Auswahl stehenden Gerichte. Preisleistungssieger sind Menüs. $10 für eine festgelegte Mahlzeit mit Getränk und Dessert. Die illustre Runde zu meiner rechten kombiniert daraus fleißig, freudig und vor allem günstig. Denn sie wissen: kleine Einheiten sind teuer, aber große Einheiten sich nicht viel teurer, was dazu verleitet, riesige Portionen zu bestellen. Mit anderen Worten: die Zunahme des Preises bei steigenden Volumina ist marginal. Würde man dieser Disproportion folgen, wäre es rentabel, einen Swimming-Pool gefüllt mit Starbucks-Kaffee aufzukaufen und anschließend daraus Tassen abzufüllen, die man für einen Handkuss verkauft. Der typische Kaffeekonsument mang nun weniger an profitablem Weiterverkauf interessiert sein. Doch wo nur eine Münze zwischen Schale und Schüssel liegt, wird zumindest sein Hang zum Überkonsum angereizt.

Das Ergebnis lässt sich eindrucksvoll am besagten Nachbartisch bewundern. Fast Food drückt dort offenbar nicht die Dauer der Zubereitung , sondern eindeutig die Verzehrgeschwindigkeit aus. Währenddessen wird damit geworben, dass ein einziger Shake acht Kugeln Eis enthalte und brüstet sich mit immer kalorienreicheren Fleischbergen, als herrsche historische Nahrungsmittelknappheit, der es opportunistisch entgegenzutreten gilt. Ehrfurchtsvoll werden menschliche Maschinen gepriesen, denen es gelingt, die meisten Pizzen innerhalb einer vorgegeben Zeit zu verschlingen. Nur schnell muss es gehen, das ist der Gedanke sowohl bei Konsument, als auch bei Produzent.
Während ich auf meinen Gartensalat warte – der Bratfettgeruch hat mir den Appetit ein wenig reduziert – denke ich an zukunftsträchtige Supermärkte, in die man mit dem Auto fahren kann und Lebensmittelvorräte via Knopfdruck automatisch in den Kofferraum befördert bekommt. Das würde das lästige Herumtragen und -schieben von Einkäufen enorm erleichtern. Oder aber ein neuartiger Hackwürfel, der alle Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate im Überfluss enthält, sofort sättigt und der ganz nach Belieben in der Mikrowelle aufgewärmt werden kann. Außerdem enthielte er eine Vielfalt an Präparaten, die den Cholesterin-Haushalt nicht aus dem Ruder laufen lassen, die Folgen von Diabetis im Rahmen halten und Übergewicht bekämpfen.

Die Gespräche, die ich einfangen kann – bei vollem Mund spricht es sich bekanntlich schlecht – drehen sich größtenteils ums Essen, natürlich nicht um die Folgen desselben und schon gar nicht um die Ursachen. Diesen geht Elizabeth Kolbert in einem im Juli 2009 erschienenen Artikel im New Yorker nach und stellt provokant die Frage “Why are we so fat?” Unter Berufung auf die National Health Studies skizziert sie die drastischen Ausmaße der amerikanischen Fettleibigkeit. Dabei macht sie deutlich, dass die menschliche Evolution zweifelsfrei Auswirkungen auf unser Essverhalten hat, doch genügen diese Ansätze bei weitem nicht, um zu erklären, dass allein in den zurückliegenden zehn Jahren kollektiv mehr als eine Milliarde Pfund an Gewicht zugelegt wurde. Vielmehr geht Kolbert auf die Strategien der Konzerne ein, die festgestellt haben, dass größere Einheiten den Umsatz ankurbeln. Somit kommt auch sie zum Schlussurteil: “Human appetite is elastic: give us more and we’ll eat more”.

Inzwischen bin ich wieder zurück in New York. Auch hier ist Übergewicht ein heikles Thema, doch verglichen mit pennsylvanianischen Autobahnrastplätzen (Gibt es eigentlich eine Korrelation zwischen Bildungsgrad und Ernährungsbewusstsein?) habe ich ein insgesamt schlankeres Bild. Hier sind viele Menschen unglaublich engagiert, etwas für ihre Gesundheit zu tun: Fitnessstudios sind bis aufs letzte Laufrad besetzt, der Central Park ist am Wochenende fest in der Hand von Sportbegeisterten, Vitamin- und Bioläden schießen wie Pilze aus dem Boden. Ist das die radikale Reaktion auf die Ergebnisse der zuvor erwähnten Studien? Oder vielleicht nur ein temporärer Boom? Ich persönlich kann besser damit leben, wenn sich das Bewusstsein und damit die Umsatzverteilung eher zugunsten von gesunden Supermarkt- als Junkfoodketten auswirkt. In New York denke ich dabei vor allem an Wholefoods, Zabar’s, Westside Market oder Fairway, die mit einer immensen Auswahl an wahren Köstlichkeiten (d.h. weniger auf einer perfekt vermarkteten Kombination aus Salz, Fett und Zucker beruhend) den Gaumen verwöhnen; wissend, dass Sattwerden womöglich dort teurer ist als bei McDonald’s. Auf lange Sicht hingegen – allein unter Berücksichtigung der Belastungen von Krankenkassen für die Behandlung von Diabetes – mag die Rechnung nun jedoch wieder die Obsttheke bevorzugen.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass das Modell einer Krankenversicherung für alle, das Barack Obama derzeit vorantreibt, auch das Bewusstsein fördert, dass nichts wichtiger ist als die eigene Gesundheit. Nun hat nicht jeder Amerikaner solch einen Appetit auf Burger wie Morgan Spurlock in seinem 2004 erschienenen Dokumentarfilm “Super Size Me”, doch alarmierend sollte sein Beispiel dennoch sein, da es zeigt, was man sich mit dem scheinbaren und schnellen Genuss eigentlich antut – wie so oft im Leben.

Columbia University

31. Juli 2009

Meine Zukunftsvorstellungen drehen sich momentan um eine Entscheidungsfrage: direktes Masterstudium oder weitere Praxiserfahrungen? Nun sitze bei sommerlich-schwülem New Yorker Klima auf den Treppen der Columbia University und sehe meine Entscheidung deutlich zugunsten einer der beiden Möglichkeiten beeinflusst. Es weckt Sehnsucht, wenn man sich in die Morningside Heights begibt und von jenem monumentalen klassizistischen Gebäudekomplex umgeben ist, der Pulitzer- und Nobelpreisträger in der Vergangenheit förmlich produziert hat. Mein Blick fällt auf die vielen Studenten, die sich in deren Fußstapfen begeben möchten und eilig zur Vorlesung rennen oder gerade ihr Mittagessen (d.h. Starbucks Iced Coffee und Bagel) verspeisen. Nicht zuletzt auch das entfacht Wunsch und Antrieb, selbst die Beine in die Hand zu nehmen, um dafür zu sorgen, hier auch einestages über den Campus zu wandern; dann jedoch nicht als Außenstehender, sondern als Student oder Alumnus.

Independence Day

6. Juli 2009

Mit diesem Artikel möchte ich nicht etwa einen zweitklassigen Film besprechen, sondern vielmehr von den Erlebnissen rund um den Nationalfeiertag in den Vereinigten Staaten berichten. July 4th, das ist hierzulande wohl fast schon eine heilige Formel. So heilig, dass der Tag vor dem 4. Juli inzwischen auch schon zum landesweiten Feiertag erklärt worden ist. Angesichts von nur 15 Tagen gesetzlicher Regelurlaubszeit mag es demnach kaum verwundern, dass die Amerikaner einen zusätzlichen Anlass für ein enthusiastisches Fest mitten im Hochsommer sehen. Der Unabhängigkeitstag, der der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 gedenkt, wird heutzutage jedoch vielmehr mit Baseball-Matches, Konzerten und Feuerwerk in Verbindung gebracht als mit der Würdigung des zugrundeliegenden historischen Ereignisses.

Ich habe den Tag in New York verbracht und wurde Zeuge eines gigantischen Feuerwerks entlang des Hudson Rivers, das freundlicherweise vom Einzelhandelskonzern Macy’s gesponsert wurde. Thomas Jefferson wäre bei diesem fast halbstündigen Spektakel aus Formen und Farben sicher erfreut gewesen, wenn er Zeuge dessen geworden wäre. Am Abend des 4. Julis 2009 waren es hingegen mehr als eine Million Zuschauer, die sich am Ufer der New Yorker Westside versammelten und nocheinmal gefühlt mindestens genauso viele Polizisten. Sie alle drängten sich durch die Straßen zwischen der 20th und 60th, so dass es nicht gerade angenehm war, aus nächster Nähe mit dabei zu sein. Die dafür durch Sterne und Streifen induzierte Hochstimmung überdeckt solche Gedanken aber schnell wieder.

Dennoch bleibt zu klären ob es denn wirklich – mehr als 200 Jahre nachdem die Tinte der Gründerväter der amerikanischen Nation getrocknet ist – “self-evident” [ist], “that all men are created equal”.

Central Park

15. Juni 2009

Er ist Gegenstand zahlreicher Legenden, Tatort zahlreicher Verbrechen und zugleich Zufluchtsort zahlreicher New Yorker: der Central Park, grüner Korridor im Herzen Manhattans. Er wurde vor 150 Jahren eröffnet, nachdem sich Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux nicht wenig Gedanken gemacht haben, wie man das ehemalige Sumpfgebiet in ein Erholungsgebiet verwandeln könnte. Bei so vielen Fehlentscheidungen zur Bebauung der Stadtfläche, muss man die Entscheidung der New Yorker Bürger und Bürgermeister deutlich honorieren. Immerhin haben sie kostbare 5% ihres Platzes hergegeben, um von der 59th bis zur 110th ein 3,4 km² großes Areal zu gewährleisten. Nach Vorbild der europäischen Gartenarchitektur wurden über 500.000 Bäume und Sträucher gepflanzt; es entstanden künstliche Seen, Sport- und Spielplätze, Restaurants, Fußwege, Statuen und kleinere Monumente. Heutzutage ist das pittoreske Idyll nicht mehr wegzudenken, auch wenn – oder gerade weil – die umliegenden Gebäude immer höher hinauswachsen. Gerade im Sommer ist es sehr angenehm, wenn man dem aufgeheizten Beton und Stahl der Avenues, dem dauerhaften Verkehrslärm und dem ungeheuren Takt, den die Stadt vorgibt, ein wenig entfliehen kann, um die Gedanken bei einem Buch und Sonnenstrahlen schweifen zu lassen.

Praktischerweise flankiert die 5th Avenue die gesamte Ostseite des Parks, so dass der Ausgang bei mir durchaus nicht selten eines der angrenzenden Museen ist. So gehe ich sehr gern am Sonntag in den Nachmittagsstunden ins Metropolitain Museum, um Teile der unglaublichen Sammlung auf mich wirken zu lassen. Zweifelsfrei werde ich diesem Museum demnächst einen eigenen Artikel widmen. Meine Heimat-Subway verkehrt auf den Linien 1, 2 und 3, so dass ich nach dem Museum immer den Park durchqueren muss, was ich gern über Umwege in Kauf nehme. Es mag an meinem nicht übermäßig stark ausgeprägten Orientierungssinn liegen, doch trägt sicher auch die schiere Größe der “grünen Lunge” des Big Apples dazu bei, dass ich jedes Mal andere Sehenswürdigkeiten passiere, wenn ich diesen Spaziergang antrete. Mir soll es recht sein, schließlich lasse ich mich gern von dem Gefühl tragen, das mich umgibt, wenn ich das Geschehen beobachte.

Das schließt so manches Softball-, Baseball- oder Lacrosse Match ein. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich zu genau damit auskennen. Einige Spielzüge haben sich mir dafür inzwischen erschlossen und so macht es mittlerweile Spaß, die unterschiedlichen gegeneinander antretenden Teams zu beobachten, die meiner Meinung nach auf gar keinem so amateurhaften Niveau spielen. Die meisten Mannschaften haben professionelle Trikots, entsprechende Ausrüstung und sogar schon eine eigene Fangemeinde, die einen guten Schlag entsprechend honorieren. Ich denke an amerikanische Hollywood-Filme. Auch macht es Spaß, die vielen Familien zu beobachten, die das Wochenende nutzen, um sich auf die Wiese zu legen oder Boot zu fahren. Nicht selten sieht man Väter, die ihren kleinen Söhnen beibringen, wie man einen Baseballschläger professionell zu schwingen hat. Ich denke wieder an amerikanische Hollywood-Filme. Unnötig zu erwähnen, woran ich denke, wenn ich die ausgezehrten Jogger sehe, die mit ihren iPods und Innenohrkopfhörern ausgestattet ihre Runden drehen oder ein paar Meter weiter die Generation “Super Size Me”, die Rast am Hotdog-Stand eingelegt hat.

Ist der Central Park also typisch amerikanisch? Zumindest gelingt es ihm, alle New Yorker zu vereinen. Vom Bettler bis zum Businessman, von schwarz bis weiß, von Vitaminpräparat bis Big Mac. Vielleicht erklärt das auch die vielen Liebeserklärungen seiner Besucher oder die dutzenden liebkosenden New York Times Artikel oder die liebevoll-akribischen Grünanlagenpfleger.
Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, es läge ein schützender Glasdeckel auf dem grünen Schmelztiegel.

Philadelphia

5. Juni 2009

Die Reise durch die Vereinigten Staaten – und nicht durchs Frischkäseregal – geht weiter. Nächster Halt: Philadelphia, Wiege der amerikanischen Nation.

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Metropolitain Opera

3. Juni 2009

Abende in der Metropolitain Opera gehören eindeutig zu den Höhepunkten meines Aufenthalts in New York City. Am 9. Mai – kurz nach dem Verklingen der Ring-Tetralogie – zieht das American Ballet Theatre (ABT) in die heiligen Hallen des Hauses ein.  Es ist Ballettsaison.

Tanzend gehe ich auch fast schon aus Vorfreude auf die Weltpremiere von Prokofjews “On the Dnieper”, in einer Inszenierung von Alexei Radmansky. Vom Bolschoi an die Met gekommen, ist der gebürtige Ukrainer für lebhafte, moderne Ausdrucksformen bekannt und schon längst ein Star in der Szene.

Die Subway stoppt in der 66th Street. Wenige Sekunden später stehe ich im Lincoln Center und bin ergriffen vom übergroßen kristallenen Leuchter, der von Hans Harald Rath in Kooperation mit Swarovski speziell für die Metropolitain Opera entworfen wurde. In Form von Sternenexplosionen reicht dieser von der Decke bis ins Erdgeschoss, wo er von den geschwungenen Treppen umrahmt wird. Spätestens beim Blick auf den weichen roten Samtteppich und die vergoldeten Wände weiß man, in was für einem besonderen Hause man sich befindet. Das 3800 Plätze und 6 Etagen umfassende Gebäude wurde Anfang der 60er Jahre von Wallace K. Harrison entworfen und ersetzte den Vorgängerbau am Broadway.

Viele Details beeindrucken: der prächtige Vorhang, die elegant in die Wände eingelassene Wasserversorgung, der elektronische Libretto-Service für jeden Platz und nicht zuletzt natürlich auch die edle Garderobe derer, die ebenfalls Zeuge der Prokofjev-Zusammenstellung werden wollen.

Radmansky löst ein, was er verspricht und zeigt eine sehr moderne Inszenierung. Ungewöhnliche, nicht selten sogar äußerst komplizierte Figuren bestimmen das Bild und heben die Spannung, trotz einer recht trivialen Liebesgeschichte, die den Inhalt zu “Am Dnjepr” bildet. Besonders die Hebefiguren erregen Erstaunen. Nur das Bühnenbild langeweilt, da man einmal mehr einen urklassischen Weg gewählt hat, anstatt angesichts dissonanter Klänge eine mutige Ummalung zu nutzen.

Bei “L’enfant prodigue” in einer Inszenierung von George Balanchine und “Le Désir”, eine Walzerzusammenstellung, hat man es besser gemacht und so wirkten die Pas de Deux’s auch eindrucksvoller.
“Eindrucksvoll” ist auch mein Resümé zur Metropolitain Opera.

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Boston

1. Juni 2009

Denkt man an Boston, denkt man wohl auch an zwei der bedeutendsten Universitäten der Welt. Denen ist auch der Hauptanteil dieser Galerie gewidmet, auf die man durch Klick auf das Foto gelangt.

Harvard

Estate Sales

26. Mai 2009

Seit über einem Jahr beherrschen Kreditblasen, Rezessionsängste und Kapitalismuskritik die Schlagzeilen. Hier, im Mutterland allen genannten Übels, sind die Auswirkungen auf Privathaushalte auch am deutlichsten spürbar. Besonders in den wohlhabenden Vierteln Upstates (so nennt man die Metropolregion New Yorks) rechnet der Immobilien-Sensenmann fleißig die Verspekulationen seiner Opfer ab.

Während die Krise die Wirtschaft gerodet hat, hat sie jedoch auch neue Setzlinge gepflanzt. So verzeichnen Kunst- und Antiquitätenhändler derzeit ein blühendes Gewerbe. Sie folgen dem Sensenmann auf Schritt und Tritt und helfen ihm beim Ausräumen, um anschließend an diejenigen weiterzuverkaufen, deren finanzielle Rücklagen nicht entschwunden sind.

An den Wochenenden heißt es nun also früh aufstehen und auf nach Westchester. Die gesamte Einrichtung von Knopf bis Couch kommt unter den Hammer. Estate Sale nennt man diese Aktion. Dabei kann man echte Schnäppchen machen, wenn Leute nicht wissen, was genau sie eigentlich verkaufen. Darum übernehmen meist spezialisierte Makler solche Ausverkäufe. Selbstredend, dass auch sie zu den eindeutigen Gewinnern der Krise gehören. Der Andrang auf derartige Gelegenheiten ist trotz der Vielzahl an selbigen immens. Extra für diesen Zweck eingerichtete Internetseiten verkünden rechtzeitig, wo es was zu holen gibt.

Drei Stunden vor dem angesetzten Beginn findet man sich dann meist in einer langen Schlange ungeduldiger Menschen wieder; so auch am Samstag. Ungewöhnlicherweise fand der Estate Sale diesmal mitten in Manhattan statt. Ausgeräumt wurde ein 6-Zimmer-Penthouse mit Direktblick aufs Chrysler Building, unweit vom MoMA. Das Ehepaar, das es bewohnte, hatte es in den 60er Jahren, als das Gebäude gebaut wurde, erstanden. Ein Blick durch das Labyrinth von Zimmern und Dachterrassen lässt keinen Zweifel, dass es sich um sehr gut situierte Leute gehandelt haben musste. Die Besitzerin besaß drei riesige begehbare Kleiderschränke sowie ein komplettes Kleiderzimmer, gefüllt mit feinster Garderobe von vier zurückliegenden Jahrzehnten. Die Etiketten lesen sich wie das „Who-is-who“ der Designer. Hauptattraktion eines Kleiderschranks war wohl der schneeweiße, voluminöse Lagerfeld-Pelzmantel mitsamt Schuhen, Handtasche, Muff und Schuhen. Einige der Frauen, die ich traf, haben einen Garderobenhandel. Andere interessieren sich wiederum nur für Geschirr. Ich selbst konzentrierte mich auf Kunstgegenstände, Bücher und Möbel, wurde jedoch nur teilweise fündig.

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In einer kleinen Truhe fand ich ein Kärtchen, das den Finder im Falle des Verlusts eines Stückes bittet, es an den Besitzer – in diesem Fall Lidia Sava Callvert und Luminitza Sava – zurückzugeben. Es ist ein seltsames Gefühl, durch die Wohnung dieser Menschen zu gehen, die, wie ich herausbekam, durch die Madoff-Pleite einen großen Teil ihres Vermögens verloren haben. Es erinnert mich an eine Szene aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in der Amélie eine Blechschachtel findet, in der ein kleiner Junge für ihn wertvolle Dinge aufbewahrte. Dieser ist inzwischen 50 Jahre gealtert und wird durch Amélie in seine Kindheit zurückversetzt. Während ich Bücherwidmungen lese, Schränke öffne und Zimmer betrete, die so aussehen, als wäre Familie Sava Callvert nur eben kurz zum Einkaufen gefahren, habe ich ein ähnliches Gefühl. Ich lerne eine Familie kennen, ohne sie kennengelernt zu haben und erfahre indirekt viel über ihren Lebensalltag, ihre Interessen und ihre Angewohnheiten. Es ist offensichtlich, wen sie über die Jahre gewählt haben, wo man sich zurückgezogen hat, wenn man seine Ruhe haben wollte, welche Kunstrichtung ihnen gefallen hat, wie ihre Freunde sie genannt haben; selbst, wo sie miteinander geschlafen haben. Ich werde ebenso ungewollt in ihre Vergangenheit gestoßen und lerne im Vorbeigehen sehr viel über die amerikanische Kultur.

Letztlich habe ich einige Dinge gekauft, die ich versuche, weiterzuverkaufen. Dieses Ziel vereint den Großteil derer, die an Freitagen und Samstagen um 3 Uhr morgens aufstehen, um einer der ersten zu sein, die die Wohnung betreten. Dabei bekommt man Nummern, die angeben, der wievielte Interessent man ist.

Bei lukrativen Estate Sales kommt es nicht selten vor, dass in den letzten Minuten vor dem Anpfiff die Reifen quietschen und größere Händler dazustoßen, die dem ersten in der Schlange 50 oder 100 Dollar in die Hand drücken, um seinen Platz zu bekommen. Wenn sich dann die Pforten öffnen, kleben sie wie wild geworden Sticker an die Gegenstände ihrer Wahl. Das sind jedoch noch die harmloseren Methoden, denn unlauterer Wettbewerb blüht in den kritischen Zeiten ebenso auf. Sehr bekannt für seine Radikalität ist ein Händler, der es vorzieht, seine Konkurrenten wegzuschubsen oder deren Sticker von Dingen zu entfernen, mit denen er daraufhin zum Bezahlen geht. Oder aber er bringt seine Mutter mit, die sich hinter ihm in der Schlange einreiht. Während er schleunigst die Wohnung betritt, hat seine Mutter eine große Tasche auf dem Rücken und imitiert, dass sie aufgrund ihres Alters kaum vorwärts kommt, um die Menschen hinter ihr zu blockieren. Andere warten bis zum Schluss mit ihren gesammelten Gegenständen, um dann angesichts der Tatsache, dass niemand mehr da ist, weitaus günstigere Preise zu diktieren. Letztlich ist natürlich auch Diebstahl nicht selten.

Nichtsdestotrotz ist es eine sehr interessante Erfahrung, die ich hier in New York für mich entdeckt habe. Ich wünsche dennoch niemandem, dass fremde Menschen einmal wie wütige Aasgeier auf das Öffnen der einstmals eigenen Tür warten werden.

Gedenken

22. Mai 2009

Zunächst möchte ich meiner Bundesrepublik ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren. 60 Jahre – das ist ein stolzes Alter, bedenkt man die Nachkriegswirren, die Teilung und Wiedervereinigung des Landes sowie die globalen und internationalen Herausforderungen. Geboren als Kind von Uncle Sam und Marianne in Union-Jack-Windeln, wie es Guido Knopp, Allzweckhistoriker des ZDF liebevoll flankierte, hat die Republik bis zum heutigen Tag wahrlich einigen Belastungsproben standgehalten. Wie jüngst enthüllt, sogar dem Stasi-Massaker des Karl-Heinz Kurras’ auf Benno Ohnesorg , das der 68er-Bewegung den Zündfunken gab. Es gibt Gründe genug, angesichts dieses Jubiläums stolz auf unsere Nation sein zu können, allen voran das Grundgesetz.

In den Vereinigten Staaten gedenkt man dieser Tage ebenfalls; hier jedoch den für das Vaterland gefallenen Soldaten, von denen es bedauerlicherweise seit George W. ein paar mehr gibt. Der Memorial Day fällt seit 1868 auf den letzten Montag im Mai und so ergeben sich verlängerte Wochenenden, die von den Amerikanern meistens für Ausflüge und Familienbesuche genutzt werden. Bereits Freitagnachmittag gleichen New Yorker Büros Geisterschiffen. Leider hat sich die Sonne von Montag bis heute aufgezehrt, dafür werden Sturm und Regen angekündigt.

Mein erstes Bad im Pazifik muss somit wohl noch etwas warten. Stattdessen werde ich das American Museum of Natural History besichtigen. (Jedoch nicht nachts, wie Ben Stiller). So habe ich wenigstens ein wenig maritimes Flair. Außerdem bin ich noch ein paar Fotos schuldig, die ich am Wochenende definitiv hier einbauen werde. Eins muss ich aber vorwegnehmen: so schön diese auch sein mögen; was ich hier neben all den aufregenden Erfahrungen und bewegenden Momenten mitnehme, ist vor allem die Gewissheit, dass ich in Deutschland alt werden möchte; hoffentlich weit mehr als 60 Jahre.