Seit über einem Jahr beherrschen Kreditblasen, Rezessionsängste und Kapitalismuskritik die Schlagzeilen. Hier, im Mutterland allen genannten Übels, sind die Auswirkungen auf Privathaushalte auch am deutlichsten spürbar. Besonders in den wohlhabenden Vierteln Upstates (so nennt man die Metropolregion New Yorks) rechnet der Immobilien-Sensenmann fleißig die Verspekulationen seiner Opfer ab.
Während die Krise die Wirtschaft gerodet hat, hat sie jedoch auch neue Setzlinge gepflanzt. So verzeichnen Kunst- und Antiquitätenhändler derzeit ein blühendes Gewerbe. Sie folgen dem Sensenmann auf Schritt und Tritt und helfen ihm beim Ausräumen, um anschließend an diejenigen weiterzuverkaufen, deren finanzielle Rücklagen nicht entschwunden sind.
An den Wochenenden heißt es nun also früh aufstehen und auf nach Westchester. Die gesamte Einrichtung von Knopf bis Couch kommt unter den Hammer. Estate Sale nennt man diese Aktion. Dabei kann man echte Schnäppchen machen, wenn Leute nicht wissen, was genau sie eigentlich verkaufen. Darum übernehmen meist spezialisierte Makler solche Ausverkäufe. Selbstredend, dass auch sie zu den eindeutigen Gewinnern der Krise gehören. Der Andrang auf derartige Gelegenheiten ist trotz der Vielzahl an selbigen immens. Extra für diesen Zweck eingerichtete Internetseiten verkünden rechtzeitig, wo es was zu holen gibt.
Drei Stunden vor dem angesetzten Beginn findet man sich dann meist in einer langen Schlange ungeduldiger Menschen wieder; so auch am Samstag. Ungewöhnlicherweise fand der Estate Sale diesmal mitten in Manhattan statt. Ausgeräumt wurde ein 6-Zimmer-Penthouse mit Direktblick aufs Chrysler Building, unweit vom MoMA. Das Ehepaar, das es bewohnte, hatte es in den 60er Jahren, als das Gebäude gebaut wurde, erstanden. Ein Blick durch das Labyrinth von Zimmern und Dachterrassen lässt keinen Zweifel, dass es sich um sehr gut situierte Leute gehandelt haben musste. Die Besitzerin besaß drei riesige begehbare Kleiderschränke sowie ein komplettes Kleiderzimmer, gefüllt mit feinster Garderobe von vier zurückliegenden Jahrzehnten. Die Etiketten lesen sich wie das „Who-is-who“ der Designer. Hauptattraktion eines Kleiderschranks war wohl der schneeweiße, voluminöse Lagerfeld-Pelzmantel mitsamt Schuhen, Handtasche, Muff und Schuhen. Einige der Frauen, die ich traf, haben einen Garderobenhandel. Andere interessieren sich wiederum nur für Geschirr. Ich selbst konzentrierte mich auf Kunstgegenstände, Bücher und Möbel, wurde jedoch nur teilweise fündig.

In einer kleinen Truhe fand ich ein Kärtchen, das den Finder im Falle des Verlusts eines Stückes bittet, es an den Besitzer – in diesem Fall Lidia Sava Callvert und Luminitza Sava – zurückzugeben. Es ist ein seltsames Gefühl, durch die Wohnung dieser Menschen zu gehen, die, wie ich herausbekam, durch die Madoff-Pleite einen großen Teil ihres Vermögens verloren haben. Es erinnert mich an eine Szene aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in der Amélie eine Blechschachtel findet, in der ein kleiner Junge für ihn wertvolle Dinge aufbewahrte. Dieser ist inzwischen 50 Jahre gealtert und wird durch Amélie in seine Kindheit zurückversetzt. Während ich Bücherwidmungen lese, Schränke öffne und Zimmer betrete, die so aussehen, als wäre Familie Sava Callvert nur eben kurz zum Einkaufen gefahren, habe ich ein ähnliches Gefühl. Ich lerne eine Familie kennen, ohne sie kennengelernt zu haben und erfahre indirekt viel über ihren Lebensalltag, ihre Interessen und ihre Angewohnheiten. Es ist offensichtlich, wen sie über die Jahre gewählt haben, wo man sich zurückgezogen hat, wenn man seine Ruhe haben wollte, welche Kunstrichtung ihnen gefallen hat, wie ihre Freunde sie genannt haben; selbst, wo sie miteinander geschlafen haben. Ich werde ebenso ungewollt in ihre Vergangenheit gestoßen und lerne im Vorbeigehen sehr viel über die amerikanische Kultur.
Letztlich habe ich einige Dinge gekauft, die ich versuche, weiterzuverkaufen. Dieses Ziel vereint den Großteil derer, die an Freitagen und Samstagen um 3 Uhr morgens aufstehen, um einer der ersten zu sein, die die Wohnung betreten. Dabei bekommt man Nummern, die angeben, der wievielte Interessent man ist.
Bei lukrativen Estate Sales kommt es nicht selten vor, dass in den letzten Minuten vor dem Anpfiff die Reifen quietschen und größere Händler dazustoßen, die dem ersten in der Schlange 50 oder 100 Dollar in die Hand drücken, um seinen Platz zu bekommen. Wenn sich dann die Pforten öffnen, kleben sie wie wild geworden Sticker an die Gegenstände ihrer Wahl. Das sind jedoch noch die harmloseren Methoden, denn unlauterer Wettbewerb blüht in den kritischen Zeiten ebenso auf. Sehr bekannt für seine Radikalität ist ein Händler, der es vorzieht, seine Konkurrenten wegzuschubsen oder deren Sticker von Dingen zu entfernen, mit denen er daraufhin zum Bezahlen geht. Oder aber er bringt seine Mutter mit, die sich hinter ihm in der Schlange einreiht. Während er schleunigst die Wohnung betritt, hat seine Mutter eine große Tasche auf dem Rücken und imitiert, dass sie aufgrund ihres Alters kaum vorwärts kommt, um die Menschen hinter ihr zu blockieren. Andere warten bis zum Schluss mit ihren gesammelten Gegenständen, um dann angesichts der Tatsache, dass niemand mehr da ist, weitaus günstigere Preise zu diktieren. Letztlich ist natürlich auch Diebstahl nicht selten.
Nichtsdestotrotz ist es eine sehr interessante Erfahrung, die ich hier in New York für mich entdeckt habe. Ich wünsche dennoch niemandem, dass fremde Menschen einmal wie wütige Aasgeier auf das Öffnen der einstmals eigenen Tür warten werden.